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Gonzo's Welt Vol. 7
Vienna Calling Teil 1
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Jede Woche schreibt der Pop-Kenner Gonzo Borderlein exklusiv für musicchannel.at.
Anfang der 90er hatte ich eine schlechte Phase. Das Engagement als Oasis-Manager war an zwei blauen Augen gescheitert, mein Name war in der Szene unten durch, ich schaffte es nicht einmal auf die VIP-Listen diverser Konzerte und Veranstaltungen. Es war zum Haare raufen.
 In dieser Zeit besuchte ich einen alten Freund, einen früheren Fußballstar, in Wien. Es war ein schwüler Mai, die Hitze stand über der Stadt. Wir tranken Bier und sahen fern. Im TV lief eine nicht uninteressante Sendung mit dem Namen „Wurlitzer“. Moderiert von einer gewissen Lizzy Engstler, durften hier Leute anrufen und sich Musikvideos wünschen. In den knapp 40 Minuten häufte sich viel Ungemach: Volksmusik, David Hasselhoff, Nana Mouskouri. Zum Schluss wurde es besser, R.E.M. und U2 wurden gewünscht. „Television, the drug of the nation“, brummte ich. Gegen Ende der Sendung wies Frau Engstler noch auf ein Gewinnspiel hin, bei dem man Karten für das am darauf folgenden Tag stattfindende U2-Konzert gewinnen konnte. U2 in der Stadt? Und ich keine Ahnung davon? Mein Gott, wie konnte es nur so weit kommen?
Drei Jahre zuvor noch war ich mit den vier Iren durch Berlin gezogen (das war die Zeit, als Bono mir beim Pokern die Fliegen-Sonnenbrille abnahm; es war vernichtend. Ich ging mit einem Full House All In, er zeigt mir lächelnd einen Vierling und sagt: „That’s Rock’n’Roll, Gonzo“). Und jetzt das? Aber vielleicht war gerade jetzt der Zeitpunkt, das Glück zu erzwingen. Ich bat meinen Kumpel, das Telefon benutzen zu dürfen, rief die Gewinn-Hotline an und kam tatsächlich als erster durch. Fünf Minuten später hatte ich zwei Karten für das U2-Konzert in der Tasche. Wenn das kein Zeichen war. Ich prostete Hansi zu und sagte: „Heute sitzen wir noch vor dem Fernseher, morgen stehen wir vor einer Showbühne - und schauen Zoo TV.“
Der nächste Tag begann spät, wir waren noch lange beisammen gesessen und erst ins Bett gefallen, als dem Morgen schon vor uns graute. Ich zog ein Shirt aus meiner Reisetasche, die immer noch nicht ausgepackt war, dann verfügten wir uns in ein Café, um zu frühstücken. Nach und nach kehrten meine Lebensgeister zurück und ich freute mich auf diesen denkwürdigen Konzertabend auf der Donauinsel.
Meine gute Laune verflüchtete sich aber schlagartig, als wir gegen 18.00 Uhr in die Wohnung zurückkehrten. Hansis Hund, ein räudiger Köter namens Friedrich, hatte in der Zwischenzeit meine Reisetasche als Spielgefährte entdeckt. Der Inhalt war teilweise zerfetzt und zerstreut, zu guter Letzt hatte der Hund auch noch seine Notdurft auf dem Gepäck verrichtet. Mich packte die Wut, doch Hansi verhinderte einen Amoklauf. Nun hieß es schnell handeln. Wir mussten los, aber ich hatte keine Klamotten. Zu allem Übel hatte auch Hansi keine frische Wäsche anzubieten, da er den Waschtag seit Wochen schob. Doch dann trieb er doch noch Zeug auf, eine weiße Radlerhose, darüber eine halbkurze Jeans, ein Holzfällerhemd. Zum Rasieren kam ich auch nicht mehr, so stand mir ein Zehn-Tage-Bart ins Gesicht geschrieben. Die schmierigen Haare band ich mit einem Geschirrtuch zusammen und so machten wir uns auf zur Donauinsel.
An der Gäste- und Pressekassa angekommen, erlebten wir die nächste Überraschung, dieses Mal aber eine gute. Unsere Tickets waren Backstage-Pässe und so tummelten wir uns wenig später unter mehr oder weniger prominenten Gästen. Wir sprachen dem Buffet reichlich zu und hatten eine gute Zeit. Ab und an kam ein bekanntes Gesicht vorbei und wir wickelten das übliche Small-Talk-Prozedere ab: Wie geht’s dir, so geht’s mir, was machst du so, wir sollten mal Golf spielen gehen, wann kommt die neue Platte, warum hast du mein letztes Album so zerrissen, etc. Dann lief mir auch noch Bob Geldof über den Weg, der sich einmal mehr auf einem arg politisch motivierten Trip befand. Wir unterhielten uns über die verheerenden politischen Zustände in China und ich erläuterte gerade, das eine chinesische Demokratie wohl nie funktionieren würde, als Guns’n’Roses-Frontman Axl Rose plötzlich neben uns stand und meinte: „Chinese Democracy? Sounds great!“. Und schon war er wieder weg.
Ich nutzte die Gelegenheit zum Absprung und folgte Axl. Er hatte mit den Guns’n’Roses tags zuvor die Donauinsel gerockt und war deshalb noch in Wien. Mittlerweile hatten U2 zu spielen begonnen. Ich konnte alles gut hören, weil wir uns unmittelbar hinter der Bühne befanden. Nur wo was Axl hingelaufen? Ich suchte und suchte und schließlich sah ich ihn auf einer Bank herumliegen und schnarchen. Er hatte offensichtlich eine volle Breitseite abbekommen, es war ja bekannt, dass er verschiedenen Substanzen zusprach. Ihn zu wecken, getraute ich mich nicht. Wir kannten uns nicht so gut, und das „Appetite For Destruction“-Album hatte ich damals als „so notwendig wie ein Kropf“ bewertet. Der arme Kerl würde die nächsten Stunden ohnehin nicht aufwachen. Ich schlenderte weiter und näherte mich dem Bühnenaufgang, als ein aufgeregter Roadie auf mich zurannte und rief: „Axl, it’s your turn!“ Was meinte der Kerl? Ich, Axl Rose? Der Mann packte meinen Arm und zog mich Richtung Bühne. Mein Blick fiel dabei auf mein Bild, das sich in einem Fenster spiegelte und jetzt erkannte ich den Irrtum. In meinem Aufzug, lange Haare, Bart, abgefuckte Kleidung, sah ich Rose tatsächlich nicht unähnlich. Ich lachte laut auf und wollte das Missverständnis gerade aufklären, als mich der Roadie nach vorne schubste.
Während ich auf die Bühne stolperte, hörte ich noch eine Stimme, die rief: „Vienna, please welcome – Axl Roooooooseeeee.“ Da stand ich nun, Scheinwerfer blendeten mich, die Menge jubelte mir zu und The Edge spielte das Intro von „Knocking On Heavens Door“. Nur leider - Ich war verdammt noch mal nicht Axl Rose. Um mich irgendwo festhalten zu können, ergriff ich das vor mir stehende Mikro…“.
→ Fortsetzung folgt!
Hinweis: Personen und Orte, die in dieser Kolumne vorkommen, sind zu 90 % echt. Der Kontext, in den sie gesetzt werden, ist jedoch zu 100 % ausgedacht. Oder etwa doch nicht?
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